Herunter fallendes Rollo gehört – 83.000 Euro Entschädigung verlangt

24.12.2018 – Es gibt Fälle vor Gericht, von denen man meint, dass es sie nicht geben könnte.

Vor einigen Jahren berichteten wir über einen Vermieter, der an der Tür einer Mieterin zu laut und lange geklingelt hatte. Jedenfalls meinte die das. Und verlangte danach 15.000 € Schmerzensgeld: weil ihre 17jährige Tochter davon Angst bekommen hätte. Und zu ihrem Vater gezogen sei.

[Zum Bau-News-Beitrag vom 25.08.2012: Sturmgeklingelt – 15.000 € Schadensersatz?]

Jetzt gab es einen ähnlichen Fall. Wieder im Land Bayern. Eine Mieterin fühlte sich von dem Geräusch aus ihrer Wohnung, das ein herunterfallendes Rollo machte, so schockiert, dass sie auf der Treppe - fast - gestürzt sei. Sagte sie jedenfalls. Weshalb der Vermieter 83.000 € an sie zahlen solle.

Das sei alles fern jeglicher Lebenserfahrung entschied das Landgericht Nürnberg-Fürth (LG Nürnberg-Fürth, Beschluss vom 18.06.2018 – 7 S 5872/17, zitiert nach Pressemitteilung 22 des Oberlandesgerichts Nürnberg).


Das Rollo sei schuld am Stolpern auf der Treppe

Im August 2013 hatte eine Frau im Raum Schwabach eine Doppelhaushälfte nebst Garten angemietet. Kurz nach ihrem Einzug teilte sie dem Vermieter mit, dass im Wohnzimmer ein Rollo „schwergängig“ sei.

Noch bevor der Vermieter etwas gemacht hatte, stolperte einige Tage später die Mieterin auf der Treppe, die von der Terrasse in den hinteren Garten führte. So erklärte sie. Und weiter: gerade noch hätte sie sich an einer Säule festhalten können, um nicht zu stürzen. Dadurch habe sie sich am Handgelenk schwer verletzt und unter anderem einen Knorpelschaden sowie einen Teilbänderriss erlitten.

Doch wie kam es überhaupt dazu? Das Rollo sei schuld gewesen, meinte die Frau. Es sei plötzlich aus einer Höhe von 2,20 m heruntergekracht. Durch das Geräusch aus ihrer Wohnung sei sie so erschrocken gewesen, dass sie auf der Treppe das Gleichgewicht verloren habe.

Nun wolle sie eine Entschädigung dafür.

Der Vermieter, wahrscheinlicher wohl seine hinter ihm stehende Haftpflichtversicherung, sah dafür aber keinen Anlass.


Schmerzensgeld, Haushaltsführungsschaden und mehr

Die Frau blieb hartnäckig. Im Juli 2016 erhob sie vor dem Amtsgericht Schwabach Klage. Knapp 83.000 € verlangte sie. Ein Teil davon als Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 €. Ein anderer Teil, 52.000 €, sei ihr Haushaltsführungsschaden; weil sie beeinträchtigt gewesen sei, ihren Haushalt so zu führen, wie sie es sonst auch gemacht hätte. Der Rest seien ihre sonstigen Unkosten.

Der Amtsrichter wies die Klage kurzerhand ab. Doch die Mieterin gab nicht auf. Sie legte Berufung zum Landgericht Nürnberg-Fürth ein. Vergeblich. Die drei Richter der Kammer des Landgerichts waren einstimmig der Auffassung, dass die Berufung keine Aussicht auf Erfolg habe. Auch wenn das Rollo im Wohnzimmer heruntergefallen war, sei das ganze Geschehen, das die Mieterin berichtete, fern jeglicher Lebenserfahrung. Aus dem Beschluss:

“Fakt ist, dass durch das Herunterfallen ein lauter Knall entstanden ist, der dazu geführt hat, dass die Klägerin erschrocken ist. Der daraufhin entstandene Schaden ist aber […] nicht mehr adäquat, da es fern jeglicher Lebenserfahrung liegt, dass durch die Geräuschentwicklung einer herunterfallenden Jalousie, eine derartige Aneinanderreihung verschiedener Handlungen erfolgt, die zu den vorgetragenen Verletzungen der Beklagten(Anmerkung: hier meint das Gericht wohl die Klägerin)führten.“




Wir haben in den letzten Jahren in unseren Bau-News noch über weitere Urteile aus der Rubrik „das kann doch nicht wahr sein“ berichtet:

[Zum Bau-News-Beitrag vom 27.01.2012: Zwei Trottel, eine Wahrsagerin und ein Grundstückskauf]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 01.02.2012 - Prozess am Landgericht Cottbus: muss der Bauherr für gutes Wetter sorgen?]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 25.01.2017 - Kein Schadensersatz wenn Baustelle aufgeräumt ist]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 10.09.2019: Keine Beleidigung, Frau als „Fräulein“ zu bezeichnen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 14.04.2021: Mieter darf in Mietwohnung nicht nur leben, sondern auch sterben]