Muss ein Architekt Baumaterialien im Labor überprüfen?

19.12.2022 – Vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe stand zur Verhandlung, ob ein Architekt die Angaben eines Baustoffherstellers überprüfen lassen muss.

Er ist nicht verpflichtet, in einem Labor die Hinweise des Herstellers zum Material auf deren Richtigkeit zu überprüfen, stellte das Gericht (OLG Karlsruhe, Beschluss vom 20.09.2021 – 4 U 199/20; rechtskräftig durch BGH, Beschluss vom 29.06.2022 – VII ZR 23/22) fest.

Es ging um die fehlende Säurebeständigkeit von Fliesen.


Hersteller: Fliesen sind chemie- und säurebeständig

Im Raum Freiburg gab es eine Saunalandschaft. Deren Betreiberin beauftragte im Jahr 2010 einen Architekten mit der Planung zur vollständigen Sanierung des Bades. Dazu gehörte auch die Ausschreibung des Auftrages zur Lieferung und Verlegung der Fliesen. Diese sollten aufgrund der ständig erforderlichen Reinigungsarbeiten die Eigenschaft aufweisen, säure– beziehungsweise chemiebeständig zu sein. Der Architekt schaute sich die Angebote verschiedener Hersteller an. Ein Hersteller lieferte ein Datenblatt. Danach sollten die Fliesen chemie- und säurebeständig sein.

Die Arbeiten wurden im Jahr 2011 durchgeführt. Doch in der Folgezeit zeigten sich Mängel in Form weißlicher Ausblühungen. Zudem lösten sich die Fliesen ab.

Die Betreiberin der Saunalandschaft machte Mängelansprüche geltend. Hier soll es nicht um die Frage gehen, ob die weißlichen Ausblühungen das ästhetische Empfinden beeinträchtigen. Das war später auch im Streit. Darauf einzugehen, würde jedoch den Umfang dieses Bau-News-Beitrages sprengen.

Eine genauso wichtige Frage war, ob der Architekt sich auf das Datenblatt des Fliesenlieferanten hätte verlassen dürfen. Nein, meinte die Saunalandschaftsbetreiberin. Und forderte für neue Fliesen und deren Verlegung einen Kostenvorschuss in Höhe von 211.000 €.

Der Architekt zahlte nicht. So kam es zum Prozess gegen ihn und den Fliesenlieferanten.


Architekt durfte sich auf Datenblatt verlassen

In der ersten Instanz, vor dem Landgericht Freiburg, lief es nicht gut für die Saunabetreiberin. Zwar wurde der Lieferant zu einer Zahlung verurteilt. Aber nur in Höhe von 44.000 €. Die Klage gegen den Architekten wurde hingegen ganz abgewiesen.

Die Saunabetreiberin gab nicht auf und legte Berufung ein, zum Oberlandesgericht Karlsruhe. Hier soll es nur um die Frage gehen, ob der Architekt verpflichtet gewesen wäre, die Angaben des Fliesenherstellers zu überprüfen: also ein Labor zu beauftragen und, weil er das nicht gemacht habe, Schadensersatz zu zahlen.

Nein, meinte das Oberlandesgericht. Und teilte der Saunalandschaftsbetreiberin mit, dass die Berufung zurückgewiesen werden solle. Aus dem Beschluss:

“ Soweit das Landgericht meint, dass dem Beklagten zu 2 durch die Ausschreibung der verwendeten Fliesen kein Planungsfehler unterlaufen ist, ist das zutreffend. Der Beklagte zu 2 durfte sich auf das Datenblatt des Herstellers verlassen. Die Berufung geht im Ausgangspunkt noch zutreffend davon aus, dass zu der Planungstätigkeit eines Architekten die Auswahl der für die zu planende Maßnahme geeigneten Materialien gehört. Dem ist der Beklagte zu 2 aber durch die Auswahl von Fliesen, die ausweislich des Datenblatts des Herstellers säurebeständig sind und damit den Reinigungsanforderungen für die Nassbereiche einer Sauna entsprechen, nachgekommen. Die Ansicht der Klägerin, der Beklagte zu 2 hätte eine Fliese in einem Labor daraufhin überprüfen lassen müssen, ob diese Eigenschaft tatsächlich vorliegt, geht fehl. Daraus würde in der Konsequenz folgen, dass ein Architekt verpflichtet wäre, so gut wie alle bei einem Bauvorhaben verwendeten Baustoffe durch ein Labor auf Vorhandensein der vom Hersteller zugesicherten Angaben überprüfen zu lassen. Damit wäre aber ein Aufwand verbunden, der die Durchführung von Bauvorhaben praktisch unmöglich machen würde. Dass dies nicht richtig sein kann, liegt auf der Hand.“


Entscheidung ist rechtskräftig

Nachdem es auch vor dem Oberlandesgericht für die Saunabetreiberin nicht gut ging, gab sie immer noch nicht auf. Sie versuchte den Rechtstreit vor den Bundesgerichtshof zu bringen. Doch dort scheiterte sie am 29.06.2022 endgültig.




Mit dem Thema Architekt und Fragen rund um seine Tätigkeit haben wir uns in unserem Bau-News-Blog schon öfter beschäftigt:

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[Zum Bau-News-Beitrag vom 21.12.2018 - Bestechlicher Architekt kann aus Architektenliste gestrichen werden]

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[Zum Bau-News-Beitrag vom 06.12.2022: Ein Architekt muss nicht Kenntnisse eines Bau-Juristen haben]