Neun Hennen und ein Hahn sind im reinen Wohngebiet zulässig

03.09.2021 – Wie das so ist in der Einsamkeit einer Corona-Atmosphäre. Manche wünschen sich einen tierischen Begleiter. Doch was ist, wenn der Wunsch entgleitet. Wenn aus dem Hündchen ein Wolf wird und das Kätzchen nicht nur Leo genannt wird, sondern ein Leopard ist. Natürlich geht so etwas nicht, darüber bedarf es keiner Diskussion.

Doch was ist, wenn jemand in einem reinen Wohngebiet 10 Hühner inklusive eines Hahns halten will? Das geht, entschied das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen (OVG NRW, Beschluss vom 21.06.2021 – 2 B 501/21).


Hühner: weder üblich noch ungefährlich?

In einem reinen Wohngebiet am Niederrhein herrschte Aufregung. Eine Nachbarin war verärgert. Hatte doch die Kommune eine Baugenehmigung zur Errichtung eines Freilandunterstandes für 10 Hühner inklusive eines Hahns erteilt. Die Bauherrin betrieb hobbymäßig eine kleine Hühnerzucht. Vor einigen Jahrzehnten wäre so etwas kein Thema, sondern verbreitet gewesen.

Zwar war der Unterstand etwa 37 Meter vom Haus und mindestens 12 Meter von der Terrasse entfernt. Doch so etwas passe nicht in die Gegend, führte die Nachbarin aus. Kein anderer Anwohner betreibe so etwas. Die ruhige Lage werde verletzt. Das sei „weder üblich noch ungefährlich“. Und außerdem habe sie sich einen Pool errichtet im Garten. Den wolle sie nutzen können, ohne Hahn und Hennen zu hören.


Schwarze Serie vor Gericht

Sie ging gegen die Baugenehmigung vor, auch vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf. Vergeblich.

So entschloss sie sich, Beschwerde zum Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen einzulegen. Doch dort lief es nicht besser für sie. Das Gericht entschied, dass die beabsichtigte Hühnerhaltung auch im reinen Wohngebiet nicht die Rechte der Nachbarin verletzt. Aus dem Beschluss:

"§ 14 Abs. 1 Satz 2 BauNVO ermöglicht als Annex zum Wohnen eine Kleintierhaltung nur dann, wenn sie in dem betreffenden Baugebiet üblich und ungefährlich ist und typischerweise einer im Rahmen der Wohnnutzung liegenden Freizeitbetätigung dient [...]"

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass das Halten von – ungefährlichen – Kleintieren wie z. B. Hühnern den Rahmen der für eine Wohnnutzung erforderlichen typischen Freizeitbeschäftigung nicht sprengt [,,,]

Die Beigeladene hält die Hühner ausschließlich zum privaten Zeitvertreib ("zum Eigenbedarf") im Rahmen einer Hobbyausübung. Das Vorhabengrundstück und das Grundstück der Antragstellerin befinden sich zwar in einem reinen Wohngebiet, das eine grundsätzlich hohe Störempfindlichkeit aufweist. Auch in reinen Wohngebieten ist jedoch das Halten von Haustieren allgemein üblich und sind von ihnen ausgehende Lautäußerungen sozial akzeptiert. Aus diesem Grund ist etwa die Haltung eines – einzigen – Hahns neben mehreren Hennen in einem reinen Wohngebiet für zulässig erachtet worden [...]

Bei der Bewertung der durch die Hühnerhaltung entstehenden Geräusche fällt auch ins Gewicht, dass Hühner nachts nicht aktiv sind und sich ihre Lautäußerungen somit in der Regel auf den Tageszeitraum beschränken. Konkrete und vor allem überprüfbare andere Verhältnisse vor Ort hat auch die Antragstellerin weder gegenüber der Antragsgegnerin noch im gerichtlichen Verfahren aufgezeigt.


Sogar Luft nach oben

Das Gericht verwies zudem auch auf einen Beschluss aus dem Hause aus dem Jahr 2017: danach sei in allgemeinen Wohngebieten eine in der Rechtsprechung akzeptierte Obergrenze von 20 Hühnern inklusive eines Hahns anzunehmen.

Es wäre also noch Luft nach oben für die Hobbyhühnerhalterin.


Vorsicht, Einzelfallentscheidungen

Doch solche Entscheidungen sind immer auch Einzelfallentscheidungen, bei denen es auf die Besonderheiten des jeweiligen Grundstücks ankommt. Ohne vorherige anwaltliche Prüfung sollte man sich deshalb als Nachbar nicht in ein Gefecht mit Behörden und Gerichten stürzen.



Siehe auch:

[Bau-News-Beitrag vom 09.03.2020: Klein- und Haustiere im reinen Wohngebiet dürfen sein – auch wenn es viele sind]