Seekiefernholz – nicht für Außenfassade an der Wetterseite

25.01.2019 - Nicht alles, was auf Architektenzeichnungen schön aussieht, hält der harten Wirklichkeit stand. Eine Holzfassade aus Seekiefern an der Wetterseite eines Gebäudes mag zwar schön aussehen. Weil das weiche Holz aber nicht zum Einsatz als Außenverkleidung geeignet ist, hätte der Architekt es nicht bei der Planung empfehlen dürfen, entschied des Oberlandesgericht Zweibrücken (OLG Zweibrücken, Urteil vom 02.09.2016 – 2 U 29/15; die Entscheidung ist rechtskräftig durch Beschluss des BGH vom 05.06.2018 – VII ZR 228/16).


Zu DM-Zeiten begann alles

Streitigkeiten am Bau dauern mitunter lange. Außerordentlich lange dauerte aber die Angelegenheit, über die wir in diesem Bau-News-Beitrag berichten.

1993 ging es los. Eine Hauseigentümerin beauftragte einen Architekten mit der Planung und Überwachung des Umbaus sowie der Aufstockung eines vermieteten Mehrfamilienhauses in Kaiserslautern. Die Arbeiten wurden im Mai 1995 abgeschlossen, die Wohnungen bezogen.

Ein dreiviertel Jahr benötigte dann der Architekt, bevor er seine Rechnung schrieb. Man war noch in der D-Mark Zeit und so verlangte er 21.000,00 DM. Die Eigentümerin zahlte aber nur 10.200,00 DM. Danach meinte sie, es sei alles viel zu teuer. Der große Streit begann.

Bald stellte die Eigentümerin auch noch den ein oder anderen Mangel fest und beantragte schließlich im Jahr 2000 die Durchführung eines selbständigen Beweisverfahrens beim Landgericht Kaiserslautern. Ein Sachverständiger wurde vom Gericht beauftragt, erschien und erkannte: die Eigentümerin lag mit ihrer Einschätzung teilweise richtig. Der Architekt hatte nicht richtig geplant und überwacht. Die Mängel zu beseitigen würde 48.200,00 DM kosten.


Eigentümerin und Architekt verhaken sich

Der Streit zwischen Eigentümerin und Architekt wurde immer heftiger. Von Fehlern wollte der Architekt nichts wissen, schon gar nicht von eigenen.

Die Euro-Zeit hatte begonnen, als im Dezember 2004 die Eigentümerin den Architekten verklagte. Er sollte Geld für die Mängelbeseitigung zahlen. Die Forderung belief sich jetzt auf einen noch höheren Betrag, nämlich 36.200,00 €. Darauf überdachte der Architekt noch einmal seine Rechnung. Und verlangte nun 43.000,00 €. Er hätte damit in jedem Falle noch ein Guthaben gegenüber der Eigentümerin, meinte er.

Man stritt sich über Vieles. Darunter war auch eine Fassadenverkleidung aus Holz. Wir vereinfachen an dieser Stelle die Darstellung der Auseinandersetzung. Nur um das Holz der Fassade soll es in diesem Bau-News-Beitrag gehen.

In der ersten Instanz vor dem Landgericht Kaiserslautern ging der Prozess nicht gut aus für den Architekten. Er – oder wohl die hinter ihm stehende Haftpflichtversicherung – sah nicht ein, dass er wegen Überwachungs- und Planungsfehlern verurteilt wurde. Er legte Berufung ein.


Seekieferplatten: Holz muss zu oft angestrichen werden

Doch auch in der nächsten Instanz, am Oberlandesgericht Zweibrücken, ging es nicht besser aus. Einer der Streitpunkte war die Außenbeplankung des aufgestockten Obergeschosses, vor allem auf der Wetterseite. Sie bestand aus Seekieferplatten. Die sehen zwar schön aus, ihr Holz ist aber sehr weich und nicht gerade dauerhaft. Für eine Verwendung als Außenverkleidung, gar an dieser Stelle, waren sie gänzlich ungeeignet, stellten die Richter des zuständigen OLG-Senates unter Bezugnahme auf das vorliegende Sachverständigengutachten fest. Aus dem Urteil:

“Nach den auch nach Auffassung des Senates nachvollziehbaren und widerspruchsfreien Feststellungen des Sachverständigen U... handelt es sich bei Seekiefer um ein weiches schnell wachsendes Holz mit hohem Frühholzanteil; daraus hergestellte Platten weisen keine glatte fehlerfreie Oberfläche auf und sind wenig resistent gegen Schimmelpilzbildung.

Es liegt auf der Hand und bedarf keiner vertieften Sachkunde, dass solche Holzfassaden generell nur bedingt zum Einsatz als Außenverkleidung geeignet sind, weil ihre Haltbarkeit infolge von Witterungseinflüssen gegenüber anderen Fassadenmaterialien, wie etwa Putz oder Metall, aber auch mehrschichtverleimten Harthölzern, deutlich herabgesetzt ist, so dass in geringeren zeitlichen Abständen Wartungsarbeiten in Form von Erhaltungsanstrichen erforderlich werden. Diese Holzfassaden sind deshalb jedenfalls zum Einsatz in den Bereichen ungeeignet, die Witterungseinflüssen nahezu ungeschützt ausgesetzt sind und deren Zugang zur Durchführung der erforderlichen Erhaltungsanstriche zudem erschwert ist.

So liegt es hier.“

Die Folge ist, dass wesentlich öfter angestrichen werden muss, als bei einem besser geeigneteren Holz. Noch einmal aus dem Urteil:

“Die erforderlichen Wartungsarbeiten an der Nordseite des Anwesens müssen in großer Höhe vorgenommen werden und sind deshalb mit erhöhtem Aufwand verbunden.

Deshalb ist die Feststellung des Sachverständige U..., die Verwendung der Seekieferplatten sei für den konkreten Einsatz am Bauvorhaben der Klägerin ungeeignet, auch aus Sicht des Senats zutreffend.

Zumindest aber hätte der Beklagte die Klägerin auf die mit der Verwendung dieser Verkleidung verbundenen erhöhten Folgeaufwendungen und -kosten hinweisen müssen.“


Nach 14 Jahren: Bundesgerichtshof befasst sich nicht mit Fall

Nachdem auch wegen weiteren Planungsfehler das Oberlandesgericht die Entscheidung des Landgerichts weitgehend bestätigte, versuchte der Architekt den Fall in die dritte Instanz, zum Bundesgerichtshof zu bringen. Doch der BGH wollte sich damit nicht befassen.

Nach fast 14 Jahren war der Prozess dann 2018 rechtskräftig beendet.




Siehe auch:

[Zum Bau-News-Beitrag vom 14.01.2019 - Glasbausteine können in Brandwand zulässig sein]


Mit dem Thema Architekt und Fragen rund um seine Tätigkeit haben wir uns in unserem Bau-News-Blog schon öfter beschäftigt:

[Zum Bau-News-Beitrag vom 12.04.2013: Der Bau wurde teurer als geschätzt - Schadensersatz vom Planer?]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 26.01.2014: Das Eigenheim mit einem Architekten bauen?]

[Zum Bau-News-Betrag vom 13.08.2014: Urteil – Wer Architekt werden will, muss auch Bauwerke entworfen und geplant haben]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 17.04.2015: Urteil: Architekt muss nicht ständig persönlich für Bauherrn erreichbar sein – Fax und Mail reichen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 27.06.2015: Architekt kann Vertrag kündigen, wenn Bauherr sich weigert, Entscheidungen zu treffen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 17.09.2015: Architekt haftet für Planungsfehler, auch wenn Bauherr mit Ausführung einverstanden war]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 28.11.2015: Prozess gegen Architekten verloren – weil nicht eindeutig, wer Vertragspartner war]

[Zum Blog-Beitrag vom 13.12.2016: Wenn es immer mehr, besser und schöner sein soll – Architekt muss Bauherrn nicht vor Geldausgeben schützen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 10.04.2017: Kein Anspruch des Architekten, Pfusch selber zu beseitigen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 02.07.2017: Architekt kann normalerweise nicht Aufträge für Bauherrn auslösen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 28.08.2017 - Auch wenn Bauherr zugestimmt hatte: für Fehlplanung haftet Architekt alleine!]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 15.11.2018 - Architekt darf sich nicht jeder nennen – falschen Architektenstempel zu verwenden ist Straftat]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 21.12.2018 - Bestechlicher Architekt kann aus Architektenliste gestrichen werden]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 17.03.2019 - Architekten müssen auch „handwerkliche Selbstverständlichkeiten“ überwachen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 11.04.2019 - Urteil: Architekt muss die Ausführung von Abwasserleitungen überwachen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 06.05.2019: Wer ihm keine Vorgaben macht, haftet nicht für Fehler des Architekten]

[Zum Blog-Beitrag vom 04.07.2019 - Urteil aus Luxemburg: Honorarrecht für deutsche Architekten gekippt]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 29.11.2019: Steuerhinterziehung – Architekt kann aus Architektenliste gestrichen werden]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 21.12.2019: In einer Firma, die mit „Architektur“ wirbt, muss auch ein Architekt arbeiten]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 27.01.2019: Architekt muss Anstrich mit Hartwachsöl nicht überwachen]