Wenn der Bauherr schlauer als sein Architekt sein will…

26.06.2019 - Sie sind ein Graus. Die Alles-Besser-Wisser. Leute die schlauer sind als ihr Arzt. Oder ihr Rechtsanwalt. Zumindest ihrer Meinung nach. Und dann gibt es auch noch die Bauherren, die schlauer sein wollen als ihr Architekt. Die trotz drastischer Hinweise so bauen lassen wollen, wie es nicht geht.

Das man dann aber noch Geld verlangt, wenn erwartungsgemäß der Schaden eintritt, ist schon nicht alltäglich. Mit einem solchem Fall hatte es das Oberlandesgericht München (OLG München, Urteil v. 09.08.2016 – 9 U 2574/15 Bau – rechtskräftig nach der Entscheidung BGH, Beschluss v. 19.12.2018 – VII ZR 220/16) zu tun.


Ein schwieriger Bauherr

In München beauftragte ein Bauherr einen Architekten im Oktober 2007 mit der Planung und Überwachung beim Neubau eines Einfamilienhauses. Ein großzügiger Bau. Es sollte auch eine Balkonanlage auf der Nordseite, sowie zwei Balkonanlagen auf der Südseite des Einfamilienhauses errichtet werden.

Der Bauherr war wohl schwierig. Zumindest was die Balkonentwässerung betraf. Von allen Plänen des Architekten hielt er nichts. Er bestand auf handgefertigten Kupferkästen. Immer wieder wies ihn der Architekt im Gespräch daraufhin, dass so keine Entwässerung erfolgen kann, die den Regeln der Technik entspricht. Der Mann blieb stur. Schließlich wusste der Architekt sich nicht anders zu helfen, als ihm das Ganze auch noch schriftlich zu geben:

“[…]in unserer Baustellenbesprechung habe ich Sie auf die Probleme der von ihnen gewünschten Ausführungen ausdrücklich hingewiesen und gewarnt. Wir haben die damit verbundene Problematik gemeinsam mit Herrn R. detailliert besprochen

Wie bereits mehrfach im Zuge der Änderungen mit Herrn R., Ihnen und mir auf der Baustelle besprochen, melde ich hiermit Bedenken an, gegenüber der von ihnen gewünschten Ausführungen der Balkonentwässerung mit den handgefertigten Kupferkästen.

Die Herstellung der Entwässerung ist von mir mehrfach umgeplant und geändert worden […].Die Haftung für die Ausführung mit handgefertigten Kupferkästen kann ich nicht übernehmen. Ich bitte Sie um Bestätigung, dass sie trotz der Aufklärung durch mich auf der Baustelle an ihrem Wunsch festhalten und die Arbeiten entgegen der anerkannten Regeln der Technik ausführen lassen möchten.“

Der Bauherr unterschrieb dies am 25.04.2009. Und setzte vor seinen Namen ausdrücklich noch seinen Doktortitel.


Es kam, wie es kommen musste

Wir wissen nicht, in welchem Fach er den bekommen hatte. Ahnung von Balkonentwässerung schien nicht sein Thema zu sein. Denn nur zwei Jahre, nachdem das Einfamilienhaus fertig gestellt wurde, traten massive Feuchtigkeitsprobleme an den Balkonen auf. Ein Sachverständiger erstellte 2012 ein Gutachten und stellte das fest, worauf auch schon der Architekt in seinem Brief hingewiesen hatte: die eingebaute Balkonentwässerung war ungeeignet.

Ein einsichtiger Bauherr hätte jetzt dreimal mit dem Fuß auf den Boden gestampft, einen kraftvollen bayerischen Fluch ausgestoßen und sich geschworen, zukünftig auf seinen Architekten zu hören. Anders aber dieser Bauherr. Er verklagte den Architekten. Auf Zahlung von 38.000,00 Euro. Soviel sollte es kosten, die ungeeignete Balkonentwässerung ab- und eine geeignete einzubauen.

Der Architekt – oder wohl seine hinter ihm stehende Haftpflichtversicherung – sah das (naturgemäß) ganz gar nicht ein. Daraufhin zog der Bauherr gegen den Architekten und die von ihm selber beauftragte Kupferkästen-Baufirma vor Gericht. In diesem Bau-News Beitrag soll es nur um den Architekten gehen. Er würde sonst zu umfangreich.


"… hat die geänderte Entwässerung auf den Balkonen im eigenen Risiko durchgeführt"

Dazu kurz gesagt: am Landgericht München I verlor der Bauherr den Prozess gegen den Architekten. Er gab jedoch nicht auf. Und legte Berufung ein, zum Oberlandesgericht München. Ohne Erfolg. Die Oberlandesrichter stellten fest, dass der Bauherr ausreichend darüber aufgeklärt war, dass es so, wie er es wollte, nicht geht. Und dann trotzdem darauf bestand. Aus dem Urteil:

“Der Architekt, der Beklagte zu 1), hat darauf hingewiesen, dass die von ihm erfolgte Planung nicht umgesetzt wurde und er insofern eine Haftung für Entwässerungsprobleme nicht übernehmen könne. Diese Vereinbarung wurde vom Kläger so gegengezeichnet. Die Hintergründe waren der Klagepartei in mündlichen Besprechungen erläutert worden. Es ist also davon auszugehen, dass sich beide Parteien auch über die Reichweite einer solchen Haftungsfreistellung im Klaren waren.

Der nunmehr eingetretene Schaden ist direkte Konsequenz der abgeänderten Ausführung der Balkone […] Aufgrund der vertraglichen Vereinbarung zwischen den Parteien muss eine Haftung des Beklagten zu 1) für diesen Schaden ausscheiden.

Der Kläger hat die geänderte Entwässerung auf den Balkonen im eigenen Risiko durchgeführt.“

Noch immer gab der Bauherr nicht auf. Er versuchte den Fall vor das höchste deutsche Zivilgericht, dem Bundesgerichtshof, zu bringen. Doch das lehnte ab. Das Münchener Urteil ist rechtskräftig.


Der wahre Architektenfehler: Auftrag nicht gekündigt

Der Architekt hat alles richtig gemacht. Fast jedenfalls. Bei einem Bauherrn, der alles besser weiß und so energisch darauf besteht, dass entgegen der Regeln der Technik gebaut wird, hätte er an eine Auftragsbeendigung denken sollen. Der Ärger eines Rechtsstreits wäre ihm erspart geblieben; auch wenn der am Schluss gewonnen wurde.





Mit problematischen Bauherren haben wir uns in unserem Bau-News-Blog schon öfter beschäftigt:

[Zum Bau-News-Beitrag vom 17.04.2015: Urteil: Architekt muss nicht ständig persönlich für Bauherrn erreichbar sein – Fax und Mail reichen]

[Zum Bau-News-Beitrag vom 27.06.2015: Architekt kann Vertrag kündigen, wenn Bauherr sich weigert, Entscheidungen zu treffen]

[Zum Blog-Beitrag vom 13.12.2016: Wenn es immer mehr, besser und schöner sein soll – Architekt muss Bauherrn nicht vor Geldausgeben schützen]